Welche inneren Faktoren zu Überforderung führen können (Teil 2/2)

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In diesem Artikel geht es noch einmal um das Thema Überforderung. Im letzten Artikel hatten wir über die Dinge gesprochen, die mehr im Außen liegen und heute geht es um Überforderung aufgrund innerer Faktoren. Natürlich hängt beides immer zusammenhängt, aber ich habe es aufgeteilt, damit es nicht zu viel auf einmal ist.

Falls du Hören lieber magst als Lesen, findest du hier die Podcast-Episode:

Überforderung durch mangelnde Kenntnisse oder Übungsrückstand

Die erste innere Hürde, die zu Überforderung führen kann, sind mangelnde Kenntnisse, also dass du vielleicht irgendetwas nicht weißt oder nicht kannst. Vielleicht hast du so eine Aufgabe noch nie gemacht, sie ist etwas ganz Neues. Wir Erwachsenen sind es häufig nicht mehr gewohnt, dass wir in so eine Situation kommen. Denn wir haben als Kinder ja schon das meiste gelernt, was wir für unser Leben brauchen. Dann haben wir vielleicht noch in der Schule und in einer Ausbildung oder im Studium Sachen gelernt. Aber je älter man wird, umso ungewohnter ist die Situation, etwas völlig Neues anzufangen. Und das kann schon so ein bisschen erst einmal irritieren. Und weil man auch dieses Gefühl nicht mehr gewohnt ist. Und das zusammen mit der Bewertung, dass es “nicht sein kann, dass ich etwas nicht kann”, kann zu einer Überforderung führen.

Oder es kann auch sein, dass ich etwas sehr lange nicht mehr gemacht habe und einen sogenannten Übungsrückstand habe. Wenn z.B. in den letzten 20 Jahren sehr wenig Kopfrechnen gemacht habe, dann sehe ich gegenüber jemandem, der das vielleicht beim Einkaufen häufiger mal macht, ziemlich alt aus. Und auch das fühlt sich nicht gut an. Vor allen Dingen, wenn ich anfange, mich mit anderen Menschen zu vergleichen – und das machen wir ständig. Wenn ich dann schaue: “Ah, mein Nachbar kann das alles.” oder “Meine Freundin, die hat das irgendwie voll drauf.”, dann ist es häufig noch schwerer auszuhalten und ich fühle mich noch überforderter, weil der Unterschied so groß ist. Dabei hat er oder sie vielleicht einfach zehn oder 20 Jahre mehr Übung in irgendeinem Bereich.

Was kannst du tun, wenn dich diese Art von Überforderung erwischt? Erst einmal ist das Thema Selbstvertrauen ein Thema. Es ist wichtig, dass du dich selber gut findest und auch das Vertrauen in dich hast, dass du Dinge schaffst und dass du es auch schaffen kannst, diese Aufgabe hinzukriegen. Um das zu erreichen, kannst du dich z.B. an Erfolge erinnern, die du schon hattest. Dinge, die du schon geschafft hast. Und falls du jetzt gerade emotional vielleicht sehr weit unten bist und dir nichts einfällt: Ich habe mich gerade mit meinem Mann drüber unterhalten, was wir eigentlich alles schon gelernt haben. Das sehen wir immer wieder an unserer Tochter, die ja vieles erst lernen muss. Zu Beginn Laufen und Sprechen lernen, später Fahrradfahren und Schwimmen, dann Schreiben und Lesen. Das sind lauter Erfolge, die wir alle schon zu verzeichnen haben, die wir oft gar nicht mehr bewusst als Erfolge abgespeichert haben, “weil das ja jeder kann”. Aber das ist jedes Mal eine totale Leistung und ein super Erfolg!

Und der zweite Punkt ist, dass es auch gut ist zu wissen, dass es eine sogenannte Lernkurve gibt. Es ist normal, am Anfang von etwas Neuem erstmal nichts zu wissen und auch erst langsam dazuzulernen. Einfach weil der Kopf noch nicht weiß, wohin er das Neue sortieren soll. Das heißt, die Lernkurve ist am Anfang nicht sehr steil. Es geht erst einmal ganz langsam los und man versteht die Dinge zuerst langsam. Je mehr man dann schon gelernt hat, umso mehr hat das Gehirn auch, um das neue Wissen zu verknüpfen. Das heißt, dann geht es schneller.

Und dann gibt es zwischendurch frustrierenderweise immer noch sogenannte Lernplateaus. Diese kannst du dir vorstellen, wie den Tafelberg. Da geht es dann nicht mehr nach oben, sondern da bleibt es erstmal eine ganze Weile auf dem gleichen Niveau. Das ist so, weil das Gehirn in dem Moment erst einmal “verdauen” muss. Es muss erst einmal Synapsen und neue Neurone bilden und erst einmal das alles wegsortieren, bevor wieder Platz für etwas Neues ist. Nach dem Plateau weißt du meistens schon wieder mehr als vorher, weil während der Verarbeitung Verknüpfungen entstanden sind. Aber dieses Plateau muss man immer erst einmal aushalten, das ist meistens nicht so angenehm. Das ist wie die Phase nach dem Sport, wenn die Muskeln sich erst mal erholen müssen, bevor sie dann wachsen, das ist ja auch manchmal schwer auszuhalten. Aber das ist normal. Wenn man neue Dinge tut, ist das nun mal so.

Überforderung, weil die Aufgabe nicht zu den eigenen Stärken passt

Du kannst auch überfordert sein, weil eine Aufgabe nicht zu deinen eigenen Stärken passt und dir entsprechend schwer fällt, weil du sie nicht gut kannst und weil du sie vielleicht auch nicht “liebst”. Schau dir dazu gern noch einmal das Vierfelder-Schema aus dem Interview mit Agatha Bieschke an: Ich liebe es nicht und es fällt mir schwer. Das müsste man eigentlich jemand anderem geben. Und wenn du das kannst, dann würde ich auch sofort empfehlen, dass du das einfach jemand anderen machen lässt.

Allerdings gibt es natürlich manchmal Aufgaben, gerade wenn man noch in Ausbildung ist, ein Studium macht oder ein eigenes Buch schreibt, die man größtenteils selbst machen muss. Bei Dingen, die du nicht abgeben kannst, finde ich immer wieder wichtig die Zauber-Frage “Wer oder was könnte mir helfen?” Und welche Teile könnte ich vielleicht doch abgeben, auch wenn es was Eigenes ist? Gibt es vielleicht irgendwelche “stupiden” Aufgaben dabei, die viel Zeit fressen, die jemand anderes auch für mich machen könnte?

Langfristig ist es natürlich schlau, wenn man möglichst wenige solcher Aufgaben anfängt, wenn man bemerkt, diese Aufgaben sind nicht mein Fall. Die sortiere ich jetzt mal nach und nach aus. Die Steuererklärung muss man natürlich machen, aber man könnte sich z.B. Unterstützung holen in Form von Steuer-Hilfeverein oder SteuerberaterIn. Man muss das nicht bis in alle Ewigkeit alleine machen, wenn einem das nicht liegt.

Meiner Erfahrung nach ist es ein schlauer Trick, möglichst viel zu machen, was einem leicht fällt und möglichst wenig von dem, was einem schwerfällt, weil man dann in der Regel viel weniger aufschiebt. Und weil es auch viel entspannter ist, weil alles viel mehr Spaß macht und auch viel leichter von der Hand geht.

Überforderung aufgrund von Emotionen

Es kann auch sein, dass du dich überfordert fühlst durch emotionale Themen, die gerade bei dir “dran” sind, z.B. emotionale Probleme, große Gefühle, die sich gerade bewegen. Das kann aufgrund der Aufgabe passieren, wenn du dich z.B. dich überfordert fühlst, und vielleicht weil auch alte Emotionen aus der Schulzeit usw. hochkommen. Z.B. Erinnerungen an Situationen, in denen du dich schon mal schlecht gefühlt hast. Oder Versagensängste oder Frustration darüber, dass es jetzt gerade nicht so läuft.

Aber es kann auch sein, dass du dich aufgrund von ganz anderen Dingen nicht gut fühlst, weil du vielleicht gerade mit jemandem Streit hattest, weil vielleicht bei der Arbeit umstrukturiert wird, weil die Gesundheit nicht so funktioniert, wie du das gerne hättest und dass du deshalb generell in einem emotional angestrengten Status bist und dadurch schneller in die Überforderung gehst.

Dann läuft schnell die physiologische Stressreaktion ab. Dann kannst du ganz logischerweise nicht gut an arbeiten. Das ist nicht möglich in der Stressreaktion. Dann geht es für den Körper nur ums Überleben und nicht um die Steuererklärung oder Abschlussarbeit oder Arbeit für die Erwerbsarbeit. Der Körper kapiert nicht, dass diese Dinge irgendwie zusammenhängen, weil man Geld verdienen muss, weil er vom Design her aus einem anderen Zeitalter stammt, in dem man noch kein Geld, sondern erstmal dem Säbelzahntiger entkommen musste.

Dann hilft alles, was dich aus der Stressreaktion wieder he rausbringt: Atmen, Entspannungsübungen und Selbstfürsorge für ein Gefühl von Sicherheit. Und dann schau mal, was diese Emotionen auslöst und analysiere genauer, wie das zustande kommt. Und dann versuche nicht nur, deine Erregung zu minimieren und deine Entspannung wieder herzustellen, sondern versuche die Auslöser möglichst zu umgehen oder abzustellen.

Es gibt z.B. eine Straße auf dem Weg zur Kita, die finde ich immer total anstrengend zu fahren, weil dort viele Autos rechts und links parken und ständig rechts vor links ist. unterwegs. Ständig muss man Vorfahrt geben oder es nimmt sich auch mal jemand versehentlich oder auch mal absichtlich die Vorfahrt. Wenn ich mich morgens schon ein bisschen angestrengt mich fühle, dann fahr ich da nicht lang, weil ich weiß, das tut mir nicht gut. Denn ich habe beobachtet, je gestresster ich bin, umso gestresster sind irgendwie auch alle anderen, die da zeitgleich mit mir fahren. Es gibt einen Weg, der andersherum geht, der zwar ein bisschen weiter ist und auch mehr Ampeln hat, der aber deutlich entspannter ist, weil ich da nicht so aufpassen muss. Und dann fahr ich den. Also schau auch einfach mal, wo du ein bisschen um die Ecke denken kannst und wie du solche Situationen verringern kannst, damit du keinen zusätzlichen Stress hast.

Es hängt von der Bewertung ab

Bevor ich dir gleich noch eine Entspannungsübung vorstellen möchte, will ich mit dir kurz über das Thema Bewertungen sprechen. Es hat immer auch damit zu tun, wie ich Dinge bewerte, also wie viel im Außen zu tun ist. Der eine ist mit 10 gleichzeitigen Aufgaben völlig zufrieden und sagt: “Klar, die sind doch machbar.” Ein anderer ist schon völlig überfordert mit drei Sachen. Das ist unterschiedlich. Das hängt einmal von der Persönlichkeit ab. Aber es hängt auch davon ab, inwieweit viele Aufgaben als Stress bewertet werden.

Es ist mittlerweile erwiesen, dass Stress an sich gar nicht generell so schädlich ist, wie man dachte. Man hat früher gedacht, es gibt den Distress, den schlechten Stress und den Eustress, den guten Stress. Dann ist man darauf gekommen, dass Stress immer schädlich ist, sowohl Distress als auch Eustress. Und jetzt weiß man mittlerweile, dass es auch davon abhängt, wie ich die Belastung bewerte, ob bei mir die physiologischen Probleme wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die durch Stress befördert werden zum Tragen kommen. Wenn wir zwei Menschen haben, die gleich viel zu tun haben, also die gleiche Menge objektiven Stress, und der eine erlebt dies als sehr stressig und bewertet es negativ und der andere empfindet es als angenehme Herausforderung, dann hat der zweite weniger negative körperliche Auswirkungen durch den Stress oder sogar keine. Das finde ich spannend. Da schließt sich fast der Kreis. Ich glaube, man nennt es heute nicht mehr so, aber dann sind wir doch wieder beim guten und beim schlechten Stress. Aber der Unterschied ist im Kopf.

Die Menge macht’s

Und dazu kommt noch, das ein bisschen Stress uns nicht schadet, sondern dass wir das manchmal sogar brauchen, um produktiv zu sein. Das kennst du vielleicht, wenn du einen freien Tag hast, dass du viel weniger schaffst, als wenn du vielleicht ein oder zwei Termine hast und dann dazwischen noch Dinge tust. Das heißt, dass wir ein bisschen Stress für die Anregung brauchen. Aber wenn es zu viel wird, dann kippt es, dann sinkt die Leistungsfähigkeit und wir fühlen uns überfordert. Und auch da spielt die Bewertung eine wichtige Rolle. Egal ob die Überforderung mehr im Außen oder im Innen ihren Ursprung hat, kann ich immer auch mein Blickwinkel nochmal überprüfen und eventuell meine Bewertung ändern.

Wenn mich z.B. meine Arbeit stresst und ich früher schon mal arbeitslos war, dass ich vielleicht einmal sehe, wie toll das ist, dass ich Arbeit habe.

Ich hab das z.B. im letzten Jahr viel gemacht, als wegen Corona viele Leute plötzlich in die Arbeitslosigkeit gefallen sind oder auch Selbständige nichts mehr zu tun hatten. Und ich hatte gefühlt und teilweise auch tatsächlich so viel zu tun wie noch nie. Einfach dadurch, dass ich eine sehr normale Auftragslage hatte, vielleicht sogar ein, zwei Sachen mehr, weil ich alles online sofort umsetzen konnte und meine Kunden dankenswerterweise auch sofort mitgegangen sind. Und dann noch mit Kind zuhause. Das hat mich am Anfang völlig an den Rand gebracht, ganz ehrlich. Aber dann haben wir Wege gefunden, es alles etwas bisschen anders zu organisieren, also im Außen den Stress abzubauen. Und ich habe auch ein paar Dinge weggelassen.

Und ich habe dann irgendwann verstanden, dass es eigentlich etwas total Gutes ist, dass ich so viel zu tun habe und dass ich eben nicht plötzlich arbeitslos bin und dass ich nicht so viele finanzielle Einbußen habe. Dass es total großartig ist, dass ich trotzdem arbeiten kann, einfach hier von zuhause aus meinem Mini Homeoffice heraus. Und da fühlte ich mich gleich viel weniger gestresst und viel weniger überfordert. Da ging es nicht mehr um diese Bewertung, wie fürchterlich alles ist, sondern da ging es drum: Wie kriege ich es hin, dass ich die Dinge schaffe und dabei ein vernünftiges normales Tempo fahren kann?”

Natürlich helfen auch Entspannungsübungen und auch mal eine Pause machen, das hatte ich im letzten Artikel schon gesagt. Das Einfachste, was du machen kannst, ist Atmen und bewusst beim Ausatmen den Stress loslassen. Einatmen und dann beim Ausatmen ganz bewusst loslassen.

Und im Anschluss finde ich jede Form von Achtsamkeitsübungen ganz wunderbar geeignet, um Überforderung und Stress loszulassen. Eine Übung, die ich dir zum Abschluss dieses Artikels und dieser Serie zum Thema Überforderung sehr ans Herz legen möchte, ist die Übung 5 – 4 – 3 – 2 – 1 (Klicke auf den Link, um den Artikel dazu zu lesen.).

Ich hoffe, diese zwei Artikel zum Thema Überforderung helfen dir, schneller wieder aus Überforderung herauszukommen und auch weniger oft hinein.

Wenn du noch Fragen hast, wenn ich dir helfen kann oder du irgendeinen Wunsch hast, oder einfach nur sagen möchtest, wie es bei dir funktioniert, dann schreib mir sehr gerne. Ich freue mich von dir zu lesen.

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    Foto (c) Canva.com

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